Die Marblehead Klasse
Die "M" oder Marblehead Klasse ist
eine Entwurfsklasse, die Boote mittlerer Größe ergibt. Entstanden ist sie in
den USA, genauer im Städtchen Marblehead, von der diese Klasse den Namen
erbte. Die ursprüngliche Konzeption in den 30-er Jahren war, ein Boot zu
bekommen, daß noch vernünftig in ein durchschnittliches amerikanisches Auto
dieser Zeit passen sollte. Die wesentlichsten Designfestlegungen sahen vor, daß
das Boot eine Rumpflänge von 50 inch und eine Segelfläche von 800 Quadratinch
haben sollte. Daher wird die Klasse auch heute noch in den USA manchmal als
50/800 bezeichnet.
Bis heute hat sich diese Klasse hoch entwickelt und hat hervorragende Boote
hervorgebracht, die in in einem weiten Windbereich gefahren werden können,
vorausgesetzt der Skipper verfügt über die richtigen Segeln.
Aber wie ging diese Entwicklung vonstatten?
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Nachwuchssegler auf den Felsen nahe "Redd's Pond", Marblehead, ca. 1895. |
Der Marblehead Klub war immer so etwas wie ein Einzelgänger in der Welt der Modell-Yachten, da er groß genug war (70 Mitglieder, 1930) eigene Modellklassen zu führen. Eine sehr populäre Klasse in der Zeit nach 1920, war eine Klasse, die vom Großsegel-Designer L.Francis Herreshoff vorgeschlagen wurde: 450 Quadratinch Segelfläche und keinerlei andere Regeln. Hier könnt ihr eine Flotte 450-er auf dem "Redd's Pond" in den späten 20-er Jahren sehen.

1930 schlug Roy Clough, damaliger Präsident des Klubs, eine neue Klasse größerer Boote vor. Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus der Zeitschrift "Model Yachting" Oktober/November 1930:
Die
450-er Klasse war so populär, mit so vielen Booten in den Regatten von
Marblehead, daß eine neue, größere Klasse dort ihren Anfang nahm. Diese Boote
mussen eine Rumpflänge von 50 inch aufweisen. Zuerst wurde eine Segelfläche
von 700 Quadratinch vorgeschlagen, aber nachdem ein Segel mit 795 ausprobiert
wurde, kam bei Klubtreffen die Frage auf, ob man die Segelfläche nicht auf 900
oder 1000 Quadratinch vergrößern sollte.
Im Endergebniss einigt man sich auf 800 Quadratinch und die bei weitem am
popluärsten Klasse in der Geschichte des Modellsegelns wurde geboren. In dieser
Klasse, die als "M" Klasse, "Marblehead" oder
"50/800" bezeichnet wurde, waren schnell mehr als 1000 Boote
registriert. Die Klasse selbst wurde 1932 US-nationale Klasse und 1937
internationale Klasse. Es gab viele Gründe für die rasche Popularität: Die
Bootsgröße ergab ein gut segelndes Modell in nahezu allen Windsituationen und
war trotzdem klein genug um auf dem Rücksitz eines Autos transportiert zu
werden. Die Einfachheit der Regeln stand in starkem Kontrast zu anderen Klassen,
welche aufwendige Messungen zur Feststellung der Legalität erforderten.
(Photo: Eines der ersten M Boote, Roy Clough)
1936 beschrieb Roy Clough selbst die Geburt der M-Klasse:
"Ich
möchte ihnen nun erzählen wie diese Klasse entstand. Die Idee zum Bau eines
Bootes dieser Größe kam mir eines Sonntags Morgen, als mein Klub eine Regatta
mit den alten 450-er Booten veranstaltete. Als ich auf den Teich schaute, wurde
mir bewusst, daß obwohl die Klasse auf 450 Quadratinch limitiert war, wir einen
regelrechte "Mischlings"-Regatta fuhren. Boote aller Größen, 30 bis
45 inch Rumpflänge, normale Kiele, Schwertkiele und Boote mit Rumpfbreiten von
5 bis 10 inch segelten alle in derselben Klasse. An diesem Sonntag Morgen ging
ich nach Hause und zeichnete mein eigenes Traumboot auf die Rückseite einer
alten Scheunentür. Verschiedene Klubmitglieder kamen vorbei. Ihnen gefiel was
sie sahen. Nachdem wir das ganze auf Papier gezeichnet und ein Boot gebaut
hatten, begann das Interesse zu wachsen und bald hatten wir 12 Boote, die von
diesem Plan gebaut wurden, natürlich alle mit kleinen individuellen
Änderungen, aber im Grunde war es immer dasselbe Boot.
(Photo: Roy Clough in seinem Wohnzimmer. Man beachte die Segelnummer!)
Kurz danach, begannen die Mitgliederzahlen weiter zu steigen und wir mussten
in eine größeres Quartier umziehen. Neue Klubs tauchten nahezu über Nacht auf
und die Marblehead-Klasse boomte.Später wurde das Design von der "Model
Yacht Racing Association of America" übernommen und der größte je
gesehene Boom im Bau von Modellbooten nahm seinen Anfang. Klubs und Trophäen
schossen wie Pilze aus dem Boden und zur Zeit ist die meistgejagte Trophäe die
"Marblehead Perpetual Challange Cup", die dieses Jahr vom Jersey City
Model Yacht Club gewonnen wurde. Der "Heisler Cup", welcher von Mr.
Charles Heisler aus Rensselaer, NY gestiftet wurde, ist ein weiterer
wunderschöner Preis. Diese Regatta wird vom "Red Bank Model Yacht
Club" abgehalten. Eine weitere Trophäe, eine Schale aus Sterling Silber,
die letztes Jahr von Mr. Frank Goodwin vom Marblehead Yacht Klub gewonnen wurde,
ist der "Chester I. Campbell Cup", der aus der Stiftung des Chester I.
Campbell gesponsert wird. Der Gewinner dieses Cups behält die Schale für ein
Jahr, danach erhält er eine Kopie. Jedes Jahr halten weitere Vereine Regatten
ab, an denen 50 bis 60 Boote teilnehmen. Eines davon sind die "National
Championship Races of the Marblehead 50-800 class", die dieses Jahr in
Warinanco, New Yersey abgehalten werden.
Kaum jemand, der die ersten Entwürfe auf der Scheunentür sah, konnte sich
damals vorstellen, daß er den Wegbereiter der größten weltweiten Modellboot
Klasse vor sich hatte.
Und um die Freude der 50-800-er Fans noch zu steigern, habe ich diese Woche vom
Modell Segel Klub, eine Abteilung des deutschen Segel Klubs, erfahren,
daß die Marblehead 50-800 Klasse auch in Deutschland eingeführt wurde, da sie
glauben, daß 'diese Klasse schöne handliche Boote ergibt, mit einer einfachen
Vermessungsformel, die nicht schwer zu bauen und doch handlich sind...'. Einer
angehängten Notiz entnahm ich, daß nach den Olympischen Spielen in Berlin,
eine Internationale Regatta geplant war. Eine der beiden ausgewählten Klassen
war die Marblehead 50-800. Unser Land wird eingeladen, 2 Boote zu dieser Regatta
zu schicken. 8 weitere Länder wurden ebenso eingeladen.
Ausgehend von den kleinen Anfängen auf meiner Scheunentür entstand die
populärste Klasse von Modellbooten die die Welt je gesehen hat. Nachdem sie
unser Land eroberte, breitet sie sich über die ganze Welt aus und wächst
stetig weiter."
1932
schrieb der Marblehead Klub einen Wettkampf für die M Klasse aus, Cypher war
der Titelverteidiger. Hier handelt es sich um eine typische Yacht der ersten
Generation. Sie hat noch weite Rundungen am Bug und am Heck und daher noch ein
typisches "Yacht" Asussehen. Unter dem Druck des Wettkampfes änderte
sich das aber schnell.
John
Black's Cheerio I gewann die erste internationale Regatta in Berlin, die im
Zusammenhang mit den Olympichen Spielen 1936 ausgetragen wurde. Das Design ist
deshalb interessant, da es versucht die Wasserlinie zu maximieren aber trotzdem
das Aussehen seiner größeren Schwestern beizubehalten. Hier ist ein Bild
John's mit seiner Cheerio auf einem Dock in Hamburg, 1936.
Cheerio erlangte später Berümtheit. Black schrieb 1939 ein Buch mit dem Titel "Yachting with Models" in dem er es genau beschrieb. Viele Kopien dieses Bootes wurden gebaut, allerdings war dieses Boot zu dieser Zeit nicht mehr wettkampftauglich.
A.R.
Lassels's Sun-Kiss dominierte die Rennen in den 40-er Jahren. Sie war ein
Beispiel dafür, was heute die 3-te Generation genannt werden könnte. Das
Design wendet sich vom Yacht Design ab, die Wasserlinie wurde auf die maximale
Länge ausgedehnt.
Die Beschreibung des Designers in "Model Yachting Monthly"/September
1945 liest sich so:
"Das Sun-Kiss Design ist eine Weiterentwicklung der 'Faithful' und 'Gurgles',
welche 1937 bzw. 1941 nationale M-Klasse Champions wurden, sowie der 'Roschana',
dem Shooting Star 1937. Ted Thorson legte die Linien dieser Yacht in einer Art
und Weise fest, daß sie mit einem Kriegsschiff übereinstimmen, daß eine
Konstante 1 in der Geschwindigkeit/Längen Formel erreicht. Eine M Yacht sollte
also 2.04 nautische Meilen pro Stunde zurücklegen, während es ein 500 inch
Kriegsschiff auf 22.5 naut. Meilen / Stunde bringt.
Das Kiel-Design ist das Ergebnis von Schleppversuchen mit verschiedenen Kielen
bei doppelter Geschwindigkeit. Wurde die Verbindungsstelle des Kieles mit dem
Rumpf relativ dick ausgeführt und die Yacht mit einem ordentlichem
Kränkungswinkel geschleppt, so vergrößerte sich der Widerstand plötzlich auf
das 8-fache, verglichen mit schleppen in aufrechter Position. Der einzige
sichtbare Anhaltspunkt war dabei eine kurze aber ausgeprägte zweite Welle im
Kielwasser. Die Herausforderung war es also, diese zweite Welle zu verhindern.
Der Flossenkiel, wie er an der Sun-Kiss gezeigt wird, ist dahingehend als Erfolg
zu werten."
Sun-Kiss
war ein Boot für die Westküste. Es wurde auf tiefen künstlichen Teichen
gefahren in Ufernähe gefahren, wo der Wind konstant, kräftig und oft wehte. In
Marblehead selbst, fuhren die Boote auf dem Redd's Pond, einem natürlichem
Gewässer großer Schönheit mit gelegentlichen Felsen im Wasser, und
üblicherweise schwierigen Windbedingungen. J. Selmer-Larson's Broom V, ein
Gegner der Sun-Kiss, zeigt, wie sich diese Unterschiede im Bootsdesign
niederschlagen. Man beachte den geringeren Tiefgang und die Anpassung des
Rumpfes an leichtere Winde, als sie in Kalifornien oder Washington auftreten.
Der
aus Neu Seeland eingewanderte Ains Ballantyne, nahm seine Liebe zum Seglsport
mit in seine neue Heimat und entwarf und steuerte viele erfolgreiche Boote am
Redd's Pond. Dieses Boot repräsentiert eine Synthese aus den Schulen der
"Flossenkiele" und den flacheren Booten Selmer-Larsons. Das Rig,
obwohl noch immer in einer konservativen Höhe, zeigt bereits ein tieferes
Verständnis des optimalen Verhältnisses von Focksegel zu Großsegel.
Ted
Houk aus Seattle war einer der innovativsten Designer dieser Klasse. Seine
"Humptulip" beeinflusste das Design der "Sun-Kiss" enorm.
1949 präsentierte er das Boot "Riptide", welches als der Höhepunkt
des Designs in der Ära der frei-schwimmenden M-Boote bezeichnet werden konnte.
Der größere Tiefgang berücksichtigt die Charakteristik der Westküsten
Gewässer und erlaubt das Führen der größten Segel in allen Windsituationen,
außer bei Sturm. Man beachte die elegante Linienführung mit der geschwungenen
Bugsektionen, die in eine geradlinige Hecksektion ausläuft.
Da
es in den 50-er und 60-er Jahren keine regelmäßigen Zeitschriften gab, die
sich mit dem Modellsegeln beschäftigten, gingen auch die meisten Aufzeichnungen
und Pläne aus diesem Zeitraum verloren. Nach 1971 wissen wir von 2
Organisationen, die die sich um die Vorherrschaft im amerikanischen Raum
stritten: Die "Model Yachting Racing Association of America", die sich
auf frei-schwimmende Boote konzentrierte und due "American Model Yacht
Racing Association", welche Fernsteuerungen förderte. 1971 hielten beide
Organisationen Meisterschaften ab, Stan Goodwin aus Marblehead gewann beide mit
diesem Boot. Als ein Design, welches im Stande war, sowohl frei-segelnd als auch
ferngesteuert zu gewinnen, markiert Warrior I den Übergang von der
"Antike" in die moderne Zeit.
(Übersetzung: Karl Buchegger, Original: http://www.swcp.com/usvmyg/mclass.htm#)